Gay Sport Inside

Die Kolumne - informativ, humorvoll, kritisch

Fussball-WM: Megan Rapinoe - lesbisch, engagiert und authentisch

Als erstes möchte ich etwas zum Titel sagen - Fussball-WM - sehr bewusst gewählt und nicht Frauen-Fussball-WM. Entweder wir benennen strikt alle Sportarten nach Geschlechtern, so auch Männer-Fussball-WM oder wir lassen es bleiben. Es heisst ja auch nicht Tennis und Frauen-Tennis. Obwohl ich einigen (wohl meist) Männern durchaus zutraue, dass sie hinter vorgehaltener Hand diese Unterscheidung machen, und dies auch noch gerechtfertigt finden.

Aber nun zum Wesentlichen - Megan Anne Rapinoe. Da ist zum einen der sportliche Teil, denn sie ist Weltmeisterin und Olympiasiegerin und holte mit unterschiedlichen Teams diverse Cup-Siege. Fast immer wenn sie auf dem Feld steht, schiesst sie ein Tor, selbst wenn sie erst in der 79. Minute eingewechselt wird. Wie sie das schafft, und wie sie es schaffte nach einem Kreuzbandriss im Jahr 2016 nach kürzester Zeit wieder weltklasse Fussball zu spielen, darüber möchte ich hier nicht schreiben.

Spannender sind aus meiner Sicht die Dinge, die wir von Rapinoe ausserhalb des Fussballfeldes lernen können. Startpunkt ist ihr Coming-out im Jahre 2012 (da war sie “schon” 27) nachdem sie 2011 Vize-Weltmeisterin wurde - also bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte. Promt zeichnete man sie mit dem Board of Director's Award des Los Angeles LGBT Centers aus.

“I feel like sports in general are still homophobic, in the sense that not a lot of people are out,” she says. “I feel everyone is really craving [for] people to come out. People want — they need — to see that there are people like me playing soccer for the good ol’ U.S. of A.”

Aktuell macht Rapinoe ohne wenn und aber klar, wo sie politisch steht und was sie vom US Präsidenten hält. Mir persönlich fällt keine Sportlerin und kein Sportler ein, der oder die dies in so rigoroser Art und Weise jemals getan hätte1.
Im Jahr 2016 schloss sie sich als erste weisse Person und erste Frau, dem "Knie-Protest" des Football-Quarterbacks Colin Kaepernick gegen Rassismus und Polizeigewalt an. Ungeachtet der Konsequenzen, nämlich Spielverbot im Nationalteam. Sie durfte erst wieder spielen, als sie zustimmte, bei der US-Hymne wieder zu stehen. Mitsingen wird sie, wie sie selber sagt, wohl nie wieder.

Sie sagt ihre Meinung und scheut auch juristische Auseinandersetzungen nicht. Aktuell reichte sie klage gegen ihren eigenen Verband USSF (US Soccer Federation) wegen Geschlechterdiskriminierung ein. Es geht in erster Linie um die massiven Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern (Kommt euch das nicht irgendwie bekannt vor?) und nebenbei noch um den schlechten Zustand der Spielfelder2. Und denen, die immer wieder damit argumentieren, es ginge hier um Marktwirtschaft (und Männerfussball sei nun mal beliebter als Frauenfussball), sei gesagt: Wir reden hier über Profisport, über einen Fulltime-Job ungeachtet des Geschlechts. Diese Ungleichbehandlung trotz gleicher Verantwortlichkeiten ist weder gerecht noch gerechtfertigt. Die erheblichen Lohnunterschiede auf Dauer zu dulden, käme einer Bankrotterklärung aller in der schweizerischen Verfassung niedergeschriebenen Grundrechte gleich. Für die Umsetzung und Einhaltung dieses Grundrechts gingen am 14. Juni 2019 150.000 Menschen in der Schweiz auf die Strasse. Da kann und darf der Sport keine Ausnahme bilden.

Und genau das ist es, was der Profisport, was die Gesellschaft braucht. Menschen, die die Courage3 haben zu zeigen, wer sie sind und für was sie (ein)stehen. Es geht darum nicht perfekt zu sein, sondern nachsichtig mit sich selbst, denn ohne das, ist eine Nachsichtigkeit mit anderen nicht möglich. Es geht darum loszulassen wie man sein sollte, um so sein zu können wie man ist. Das alles verkörpert Megan Rapinoe.

“Coming out was sort of an evolutionary process,...I was like, why am I not out? I want to be out and I don’t have anything to hide, I’m very proud of who I am.”

Menschen wie sie können viel bewegen. Durch ihre Art bringen sie andere dazu, sich ihnen anzuschliessen (Inzwischen schloss sich das gesamte Nationalteam der oben erwähnten Klage gegen die USSF an), für die eigenen Rechte zu kämpfen und sich nicht beirren zu lassen, diesen Weg weiter zu gehen - weder von Fussballverbänden noch von US Präsidenten.

Der Sport braucht mehr Megan Rapinoes. Stellt sich die Frage wie lange wir noch auf ein männliches Pendant warten müssen. Dies scheint längst überfällig.

Fussnoten

  1. Sollte euch noch jemand einfallen, bin ich froh um jeden Hinweis.
  2. Das wäre ungefähr so, als würde eine Köchin nur ⅓ des Lohns ihrer männlichen Kollegen erhalten (selbstverständlich bei gleicher Arbeitszeit und Aufwand) und bekäme als Arbeitswerkzeuge stumpfe Messer, löchrige Töpfe und defekte Spülmaschinen zur Verfügung gestellt und ihr Essen würde dann wohlgemerkt immer noch besser schmecken, denn bezogen aufs US-Männerteam sind die Frauen im Fussball weitaus erfolgreicher!
  3. Courage - ursprünglich kommend vom Lateinischen cor (meum) = Herz. Die Definition des Wortes geht darauf zurück, die eigene Geschichte zu erzählen. Wer bin ich mit meinem ganzen Herzen.

*****************************************************************************************************

Der Fall Caster Semenya und was wir daraus machen

Mit den jüngsten Vorkommnissen um Caster Semenya müssen wir uns endlich eingestehen, dass es neue Wege braucht. Auch im Sport oder gerade im Sport, in dem wir es mit so viel Körperlichkeit und der kategorischen binären Geschlechtertrennung zu tun haben. Und genau da liegt die Krux. Verwenden wir Begrifflichkeiten wie Mann und Frau zur Kategorientrennung im Sport, so müssen wir uns die Frage stellen: Wie und wodurch definieren sich diese Kategorien? Wir müssen uns Fragen, sind die Begrifflichkeiten wie Mann und Frau inzwischen überhaupt noch geeignet, um einen fairen Wettkampf zu gewährleisten? Und es geht ja hier bei weitem nicht nur um Inter*-Menschen. Was ist mit all den Transidenten? Aus heutiger Sicht ist es als Transfrau beispielsweise nicht möglich in Frauenkategorien zu starten, es sei denn mit der Einnahme von Hormonen wäre der Testosteronwert so gesenkt, dass er in den zulässigen Bereich fällt. Was ist nun aber, wenn ich mich als Frau definiere, aber keine Hormone nehme. Starte ich dann bei den Männern? Wie müsste das aussehen? Wie fühlt sich das für mich sowohl als Sportler*in und Konkurrent*in an? Oder was ist mit denen, die Hormone nehmen, sich aber als non-binär fühlen und definieren?

Jetzt werden sicher Stimmen laut, die sagen: “Wir können doch nicht alles nach diesen Minderheiten richten.” Und ich sage, doch, können wir und müssen wir aus meiner Sicht sogar. Das, was als gesellschaftlicher Wandel erkennbar ist, muss sich auch im Sport wiederspiegeln. Gerade weil es hier so sehr um den Begriff Fairness geht und darum, Menschen durch Sport miteinander zu verbinden und sichtbar zu machen.

Im Sport ist für Menschen wie Caster Semenya im Grunde kein Platz, denn der Gedanke der Fairness wird durch sie vermeintlich ausgehebelt. Menschen, die in der Kategorie Frau mit "normalen" Werten an den Start gehen, können ihre Zeiten nicht erreichen. Aber konnten sie das bei einem Michael Phelps, bei einem Usain Bolt? Wird es nicht immer Menschen geben, die durch ihre angeborenen körperlichen Merkmale besonders priviligiert zur Ausübung einer bestimmten Sportart sind?
Und was verlangen wir hier von einer Athletin, um an Wettkämpfen teilzunehmen?
Es ist schon spannend zu beobachten, wie wir im Leistungssport, in dem das Thema Doping ganz gross geschrieben wird, eine nicht-gedopte Athletin nicht starten lassen können, weil ihre Werte nicht den Regeln entsprechen. Wir behandeln sie quasi wie eine Dopingsünderin und verpflichten sie dann, Substanzen einzunehmen, die einen massiven Einfluss auf ihren Körper (und somit auch auf ihre Gesundheit) haben, obwohl wir ja genau das gerade unterbinden wollen. Es ist einfach paradox.

Wahrscheinlich besteht wohl kein einklagbares Grundrecht auf die Teilnahme an einem Sportereignis. Die, die mitmachen wollen, egal wo, müssen sich den Kriterien und den vorhandenen Regeln unterwerfen. Chancengleichheit heisst das Zauberwort. Aber um welchen Preis? Es kann ja nicht darum gehen, dass Frauen, die 800m laufen wollen, soviel Testosteron nachschieben, dass sie auf die Werte von Caster Semenya kommen, aber die andere Seite dazu zu verpflichten Substanzen einzunehmen, geht eben auch nicht. Das hat, aus beiden Perspektiven, ebenfalls nichts mit Chancengleichheit und Fairness zu tun.

Es kann nur darum gehen, sich Gedanken über Kategorien und Regeln zu machen - über den Tellerrrand hinauszusehen, weiter zu denken. Eine Patentlösung gibt es wahrscheinlich kurzfristig nicht, aber es ist Zeit, um im wahrsten Sinne des Wortes QUER zu denken. Fangen wir damit an!

*****************************************************************************************************

Online Dating

Ich oute mich hier mal als Userin von Lesben Online Dating Portalen. Meine letzten beiden Freundinnen lernte ich so kennen, wobei einmal eine langjährige, schöne Beziehung entstand und einmal ein zweieinhalbjähriges Desaster. Ich antwortete auf ihre Anzeige, was ich, wie sich im Nachhinein herausstellte, besser nicht getan hätte. Aber item - ich möchte ja hier nicht in der Vergangenheit stochern, sondern etwas über meine aktuelle Situation berichten. Momentan bin ich zugegebenermassen ein wenig frustriert.

Sportlicher Teil 1:

Ich hatte in den vergangenen fünf Wochen fünf Dates - sehr sportlich, wie ich finde. Zumal diese Dates ja sowohl organisatorischen als auch emotionalen Aufwand generieren. Da sind zum einen die vor den Verabredungen noch auszutauschenden Nachrichten - mitunter höchst amüsant aber recht zeitintensiv. Und zum anderen Telefongespräche, vorzugsweise spät abends oder nachts, manchmal durchaus auf- und anregend, spätestens aber am nächsten Morgen, sobald der Wecker klingelt und ich mich fühle wie vom Bus überfahren, sehr bereuenswert. Wobei ich zugeben muss, dass E-Mails und Telefonate manchmal aufregender und netter sein können, als das Treffen ansich.

Dabei ist es schon komisch, auf was für Frauen Frau so trifft. Das geht von der Komplex beladenen, psychopathischen Stalkerin (kreisch) über die ungepflegte Katzenfreundin mit Alkoholproblem (pffffffff) bis hin zur langweiligen, Homophoben mit Bandscheibenvorfall (seufz).  

Plattformunabhängig (die Liste ist übrigens schier end- aber eher nutzlos und drum möchte ich hier wirklich keine Werbung machen) stellte ich schnell fest, dass sich fast überall dieselben Damen tummeln. Nach dem Motto “Kennste eine, kennste alle”, ist es quasi überflüssig, sich bei unterschiedlichen Seiten anzumelden.
Besonders schön übrigens: Bei einer App wurden immer wieder Männer angezeigt, obwohl die Einstellung “nur Frauen” angewählt war. Auf meine Anfrage beim Support, warum dies so sei, erhielt ich leider keine Antwort. Schade.

Sportlicher Teil 2:

Viele Inserateschreiberinnen weigern sich Bilder zu schicken, oder rücken erst eines nach ewig langem “Kindergarten-Hin-und-Her” raus. Andere dagegen sind sehr grosszügig was Fotos anbelangt. Leider handelt es sich dann nicht um “normale” Bilder, nein. Das wäre ja noch nett. Es kommen Bilder von Beinen oder Unterleiben oder mit Skihelm und Schneebrille oder hinter irgendwelchen Bäumen. Jedenfalls immer so, dass wenig, bis nichts erkennbar ist, und schon gar kein Gesicht. Das scheint so eine Art Sport zu sein. Warum ist das so? Ich verstehe und sehe den Sinn dessen jedenfalls nicht. Mein Profil hat Fotos. Da weiss dann jede gleich, ob es halbwegs optisch passt, denn das Auge isst ja bekanntlich mit. Und ich persönlich schaue Frauen (zumindest meistens ;-)) zuerst ins Gesicht.

Dann gibt es noch die Frauen, die nach einer Absage weiterhin E-Mails schicken. Aus welchem Grund auch immer, denn was ist an: “Du bist nicht mein Typ, für mich passt es nicht. ” nicht zu verstehen. Oder die Heteropaare (Ja, die machen auch vor Lesbenportalen nicht halt!), die eine für einen Dreier suchen. WTF. Und eine schickte tatsächlich einen Fragenkatalog. Die Kandidatin hat leider nur 3 von 100 möglichen Punkten!? Ach du meine Güte. Was soll das?

Sportlicher Teil 3:

Kommt es dann doch zu einer Begegnung in der realen Welt, ist es nach den ersten 30 Sekunden häufig schon gelaufen. Denn ob wir uns mögen, resp. anziehend finden oder nicht, steht ja oft nach nur wenigen Sekunden bereits fest. Und damit fängt die sportliche Herausforderung erst richtig an. Besonders wenn sich die Sympathiepunkte in Grenzen halten und es das Gegenüber so ganz anders sieht. Autsch.

Ich jedenfalls, habe nun entschieden eine Onlinepause einzulegen, denn auf Dauer ist die ganze Sache doch recht mühsam und die Energien lassen sich besser einsetzen.

Stattdessen findet ihr mich und viele andere sportbegeisterte Lesben zum Beispiel live auf dem Tennisplatz beim
Pinkster Turnier in Amsterdam (7.-10.6.), bei den Zürich Rainbow Open (16.-18.8.), tanzend und singend bei der Züri Pride am Gay Sport Stand (14.-15.6.) oder an den Euro Games (11.-13.7) in Rom.

In diesem Sinne, habt einen sportlich-schönen Sommer!

Zurück